17.06.2026
Den Tod mit den Fingerspitzen berühren
FRANKFURT.- Zart schimmern die geriffelt Glasscheiben im diffusen Licht. Würde dahinter eine Urne stehen, wären ihre Umrisse durch das sanfte Rosé, tiefe Grüngrau oder getragene Goldbraun zu erahnen. Auf einer Plakette stehen eingraviert ein Name und die dazugehörigen Lebensdaten – und in einem Reagenzgläschen ist Platz für eine einzelne Blume.
Hessens erste Begräbniskirche, St. Michael im Frankfurter Nordend, ist noch nicht ganz fertig, aber so gut wie. Einige Elemente sind noch in Folie verpackt, auf der Rampe zum Altar liegt ein Malervlies, und überhaupt riecht es noch ein bisschen nach Baustaub. Die Trauerkirche, die künftig Platz für 2500 Urnen bietet, wird Ende September offiziell eröffnet, doch am Dienstagabend durfte die Öffentlichkeit sich schon einmal umsehen. Diese Möglichkeit nutzten gut 80 Menschen, die dicht gedrängt auf den halbrunden Bänken hinter dem Altar saßen, während Architektin Claudia Meixner und Verena Maria Kitz, Leiterin des Zentrums für Trauerseelsorge, das Projekt erläuterten. Anschließend war Zeit, sich genauer umzusehen – und sich näher darüber zu informieren, wie das mit der Bestattung hier denn überhaupt funktioniert.
Viele Fragen, alle Antworten
Denn Fragen gab es rund um die künftige Bestattungsmöglichkeit viele. Ab wann sind Urnenbestattungen in der Trauerkirche St. Michael möglich? Wo findet die Trauerfeier statt? Muss sie katholisch sein, geht auch ein freier Trauerredner oder kann sie auch dem Ritus einer anderen Religion folgen? Und was mache ich, wenn ich mich jetzt anmelden möchte, aber vielleicht noch viele Jahre lebe? Verena Maria Kitz und ihr Team hatten die Antworten parat. Bestattet werden soll ab Juli oder August, jedenfalls so schnell wie möglich. Die Trauerfeiern finden hinter dem höhergelegenen Altar statt, der im Umbau mit einer Rampe ausgestattet und so barrierefrei zugänglich gemacht wurde, die Trauergesellschaft wird auf zwei halbrunden Bänken sitzen. Christliche Trauerfeiern sind möglich, auch freie Zeremonien. Und wer sich jetzt schon einen Urnenplatz sichern möchte, zahlt als Reservierungssumme jährlich 195 Euro. Die Bestattung kostet anschließend einmalig 2900 Euro, die Ruhezeit beträgt 15 Jahre.
Warm und tröstlich
Besonders gut gefielen den Besucherinnen und Besuchern an diesem Abend die Glastüren der einzelnen Grabplätze in zarten Farben, die von innen leicht beleuchtet sind. „Warm und einladend sieht das aus, tröstlich – und nicht nach ewiger Dunkelheit“, sagte eine Frau. Und ihr Mann ergänzte: „Es gefällt mir, dass man hier nie alleine wäre.“ Da hier noch niemand bestattet ist, durfte man sich sogar trauen und mit dem Finger das geriffelte Glas betasten, ebenso wie die gravierte Namensplakette. „Dadurch, dass man das anfassen kann, verliert man im wahrsten Sinne die Berührungsängste“, sagte eine junge Frau zu ihrer Begleiterin, die zustimmend nickte. Und auch, dass man die offenen Urnenkreise betreten und drinnen auf Bänken sitzen kann, wirkt auf viele schön und einladend. Für Susanne Gorges-Braunwarth. Fachbereichsleitung Seelsorge und Entwicklung im Bistum Limburg, hat die zarte Gestaltung der Urnenplätze mit Glas auch eine wichtige theologische Komponente: „Das Glas sorgt für Transparenz, zugleich ist die Urne aber darin abgeschlossen. Die Grenze zwischen Leben und Tod ist erkennbar, aber sie wird auch gewahrt.“
Die Farbwelt der Kirche
Das Glas spielt eine wesentliche Rolle. Es wurde vom Architekturbüro Meixner, Schlüter und Wendt, das 2021 den Auftrag in einer Wettbewerbsvergabe gewonnen hatte, in einem aufwändigen Verfahren ausgesucht, um die Farbwelt der Anfang der 1950er Jahre von Architekt Rudolf Schwarz entworfenen Kirche aufzugreifen. Dafür wurden eine große Vielzahl von Glasbeschaffenheiten und Farben geprüft. „Die Kirche steht unter Denkmalschutz, und die untere und obere Denkmalschutzbehörde waren durchgehend eingebunden, auch in die Auswahl des Glases“, berichtete Architektin Meixner, die insgesamt sehr positiv auf die Zusammenarbeit mit den Behörden zurückblickt: „Da gab es keine Probleme.“
Die Art, wie die zwölf als offene Kreise gestalteten Urnenwände mit ihren beleuchteten Glasfächern sich nun ins Gesamtbild der besonderen Kirche einfügen, wirkt natürlich, leicht – so, wie es beabsichtigt war. Einen „Gleichklang“ mit den runden Formen der Kirche habe ihr Team finden wollen, berichtete die Architektin. Entstanden sind fließende Übergänge, nicht nur in der Kirche, sondern auch auf dem Vorplatz und dem Garten, in dessen Ewigkeitsgrab die Asche der Menschen, die hier ihre letzte Ruhe finden, nach 15 Jahren verbleiben werden. Zum Gesamtkonzept gehört auch, dass die Kirche feste Öffnungszeiten haben wird, zu denen Aufsichtspersonen vor Ort sind, mit denen Trauernde sprechen können, wenn sie das möchten.
„Wir wollten einen gastfreundlichen Ort schaffen, an dem Trauernde willkommen sind, Verstorbene unabhängig von Religion bestattet werden können und Menschen sich mit Fragen von Leben und Tod auseinandersetzen können“, sagte Verena Kitz am Dienstagabend. Es ist gelungen.